FAZ vom 10. März 2006

Klinken putzen für ältere Arbeitslose


Die Aktion „Jobs für best agers“ hat in Frankfurt begonnen / Kampagne will Menschen über 50 Jahre wieder in Arbeit bringen


Jor. FRANKFURT. Alt werden wollen alle, alt sein will keiner – ganz besonders dann nicht, wenn es um die Arbeitssuche geht. Und das aus gutem Grund. Denn die Chancen verringern sich in vielen Branchen bereits deutlich, wenn eine 4 an der ersten Stelle der Altersangabe steht. Taucht dort eine 5 auf, wird es nahezu unmöglich, einen Job zu finden. Mit der gestern begonnenen Kampagne mit dem eigenwilligen Namen „Jobs für best agers“ will das Rhein-Main Jobcenter, das sich in Frankfurt um Langzeitarbeitslose kümmert, diesem Trend entgegenwirken. Das zugrundeliegende Konzept „best! agers“ war bei einem Wettbewerb der Bundesregierung im vergangenen Jahr erfolgreich. Dieser finanziert das Programm „Perspektive 50 plus – Beschäftigungspakte für Ältere in den Regionen“  mit 250 Millionen Euro. 4,8 Millionen davon stehen nun in Frankfurt zur Verfügung, um die Pläne zu verwirklichen.

Das bedeutet zunächst einmal, diejenigen zu schulen, die die Altersgruppe über 50 Jahre beraten und vermitteln sollen, wie Jobcenter-Geschäftsführer Robert Standhaft und Barbara Wagner, Geschäftsführerin der Gemeinnützige Frankfurter Frauen-Beschäftigungsgesellschaft, gestern sagten. Die Gesellschaft ist maßgeblich an der „Best agers“-Aktion beteiligt und betrachtet nun Männer wie Frauen gleichermaßen als Klientel. Gründungsmessen und Ideenworkshops sollen den Arbeitssuchenden über 50 praktische Hilfestellung geben und zur Weiterbildung animieren. Gleichzeitig sollen auch Firmen besser darüber informiert werden, welche Vorteile sie aus den Qualitäten ziehen können, die eher bei älteren als bei jüngeren Mitarbeitern vorzufinden sind – soziale Kompetenz, Zuverlässigkeit und natürlich die Berufserfahrung. Ohne Hilfe aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, das wissen auch die Initiatoren, gelingt das nur schwer. Deshalb soll ein entsprechendes Netz entstehen. Zumindest bei der Auftaktveranstaltung waren auch namhafte Paten vertreten: Der Frankfurter Sozialdezernent Franz Frey (SPD) forderte ein Umdenken in der Gesellschaft und den einzelnen Unternehmen. Daß etwa in Frankfurt jeder vierte der fast 39 000 Arbeitslosen ebendieser Gruppe der 55 bis 64 Jahre alten Menschen angehöre, zeige das Ausmaß des Problems. Wenn andererseits Unternehmen wie der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport oder die heute auf Spezialchemie ausgerichtete Degussa AG Mitarbeiter mit Ende 50 einstellten, um sich von diesen in China oder Ägypten vertreten zu lassen, belege dies, daß es anders gehe.

Daß Deutschland in dieser Hinsicht einen historischen Rückstand etwa im Vergleich mit der Schweiz oder skandinavischen Ländern hat, fördert eine Studie der OECD zutage, wie Dieter Döring, Professor für Finanzwissenschaften und Sozialpolitik an der Universität Frankfurt, berichtete. Aktionen wie die nun angelaufene hält er für nützlich, weil sie auf einen Bewußtseinswandel hinwirkten. Vor finanziellen Anreizen für Unternehmen, Ältere einzustellen, warnt er aber. Das könnte sich rasch gegen die wenden, denen eigentlich geholfen werden solle, weil damit die Qualitäten und die Konkurrenzfähigkeit älterer Arbeitnehmer in Frage gestellt würden. In anderen europäischen Ländern zeige sich, daß auch die Älteren dann profitieren, wenn das Arbeitskräftepotenzial des jeweiligen Landes besser ausgeschöpft werde, wenn etwa auch mehr Frauen voll berufstätig seien. Die Erfahrungen im Ausland lehrten auch, daß dann eine hohe Beschäftigungsquote bei den „Best agern“ nicht auf Kosten der Beschäftigung junger Menschen gehe. Für Döring besteht aber auch kein Zweifel daran, daß Ältere nicht allein wegen ihres Alters teurer sein dürfen als junge Konkurrenten. Am Ende des Kosten-Nutzen-Kalküls stünde dann sicher die Entscheidung gegen den Älteren.

Claus Wisser, Gründer und Inhaber des Dienstleistungsunternehmens Wisag, das in Deutschland rund 19 000 Mitarbeiter beschäftigt, glaubt an das Alter. Er würde sofort ein Unternehmen mit alten Leuten für alte Leute gründen, wenn er nicht schon ausgelastet wäre mit seinem Unternehmen, meinte er gestern. Wisser forderte aber von alten wie von jungen Männern und Frauen ohne Job, sich selbst zu kümmern, selbst aktiv zu werden, sich nicht allein auf die Vermittlungsleistung der Arbeitsverwaltung zu verlassen.

Harald Fiedler, DGB-Vorsitzender in der Region Frankfurt-Rhein-Main und ebenso wie Wisser im Beirat der Initiative, warnte gestern allerdings davor, das Ziel, ältere Männer und Frauen wieder in Lohn und Brot zu bringen, ohne verbindliche Regelungen – in Gesetzen oder Tarifregelungen – festzuschreiben. Die Erfahrungen beim Versuch, Jugendliche in Ausbildung zu bringen, hätten gezeigt, dass bloße Verabredungen nicht zum Ziel führten.


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