Frankfurter Rundschau, Freitag, 11. Mai 2007
Die Malergruppe „Artischok“ der Deutschen Jugend aus Russland gibt mit einer Ausstellung Einblicke ins Seelenleben junger Migranten.
„Die Welt meiner Seele“ heißt eine Ausstellung in den Räumen des GFFB-Stadtteilbüros mit Gemälden und Zeichnungen junger Migrantinnen aus der ehemaligen Sowjetunion.
ECKENHEIM Sie treffen sich dienstags im Haus der Heimat, um gemeinsam zu malen. Sie gehen zur Schule, in die Lehre, studieren. Und haben eine große Gemeinsamkeit: Alle haben mit ihren Familien die ehemalige Sowjetunion verlassen. Die Kunstpädagogin Dschamilia Hergenreder begleitet sie bei ihren Malversuchen im Kurs „Artischok“, einem Angebot des Vereins Deutsche Jugend aus Russland. „Die Welt meiner Seele“ hat Hergenreder als Thema für die Ausstellung in den Räumen der Gemeinnützigen Frankfurter Frauenbeschäftigungsgesellschaft (GFFB) vorgegeben. Entstanden sind ganz unterschiedliche Arbeiten. Stille, berührende Motive etwa wie „Mutters Hände“, in denen tiefrote Walderdbeeren ruhen, in Acryl gemalt von Ekaterina Shapiro. Die 20-Jährige mit jüdischen Wurzeln kam vor sieben Jahren nach Frankfurt. Ekaterina möchte Innenarchitektin werden.
Alexandra Vetter hat eine kleine, skizzenhafte Bildergeschichte zu Michail Bulgakovs Roman und Faust-Abwandlung „Master und Margerita“ in Tusche gezeichnet. Das Lieblingsbuch der 23-Jährigen erzählt vom Teufel, der sich in den 20er Jahren auf den Weg nach Moskau macht. „Mit seiner ganzen Mannschaft samt Hexe.“ Alexandra übte mit Illustrationen aus Nicolai Gogols Büchern. Sie studiert im sechsten Semester Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. „Ich bin das, was man hier Spätaussiedler nennt“, sagt sie und verdreht ein wenig die Augen. „Ich mag dieses Wort nicht, es klingt wie „zu spät, es klingt negativ“.
Anna Kostina (21) hat wie Ekaterina Shapiro jüdische Wurzeln. Ihr Bild ist ein Stillleben aus fantastischen Früchten, Pflanzen oder Gemüse. Sieht man genau hin, entdeckt man Augen, Hörner, Spinnweben, Waben. Anna sagt, es gehe ihr um „die Verschmelzung von Mensch und Natur, um einen Menschen, der halb Insekt ist“. Sie spricht akzentfrei. Seit zwölf Jahren lebt die junge Jüdin mit der dicken schwarzen Strähne im blonden, langen Haar in Frankfurt. Sie möchte Kommunikationsdesign studieren und im Alter „eine Malschule für Kinder leiten“. Der Malkurs der Deutschen Jugend aus Russland sei für sie die einzige Möglichkeit, auf junge Russen ihres Alters zu treffen. „Ich will nicht deutsch werden“, sagt Anna, „und versuche, mir mit Händen und Füßen mein Russisch zu erhalten“. Der Silberdruck auf Annas schwarzem T-Shirt funkelt, während sie sagt: „Ich will meine russisch-jüdische Identität in Deutschland nicht aufgeben, auch wenn es leichter ist, nur das Eine auszuleben.“ ANETTE WOLLENHAUPT
DIE AUSSTELLUNG „Die Welt meiner Seele“ in der GFFB-Geschäftsstelle, Eckenheimer Landstraße 461, läuft bis zum 30. Juni. Geöffnet ist sie montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr, freitags von 9 bis 14 Uhr.
Frankfurter Rundschau, Freitag, 11. Mai 2007