Von Stepen Wolf
Der Arbeitsmarkt hat sich in Deutschland drastisch verändert. Seit Jahren werden immer mehr Mitarbeiter von Leiharbeitsfirmen angestellt, auch die Zahl der Minijobs wächst kontinuierlich. Kritik an diesen so genannten prekären Beschäftigungsverhältnissen wird nicht nurvon Gewerkschaften geübt, bei den Bürgern überwiegt ebenfalls die Skepsis. Auch die Em-Euro-Jobs stehen im Ruf staatlicher Ausbeutung. Dabei, so behauptet Anne Scherer, könnten sich gerade dieseArbeitsgelegenheiten als Starthilfe für das Berufsleben entpuppen.
Von den insgesamt 110 Arbeitsgelegenheiten im Kreis sind zurzeit 77 besetzt
Anne Scherer arbeitet für GFFB. Das Unternehmen vermittelt im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft für Soziale Grundsicherung und Arbeitsmarktintegration (Arge) Groß-Gerau Langzeitarbeitslose an gemeinnützige Träger; die Schulen, Vereine, Altenheime und Krankenhäuser unterhalten.
Insgesamt existieren im Landkreis 110 Arbeitsgelegenheiten. 77 Plätze davon sind zurzeit besetzt. Der Schwerpunkt von GFFB ist die Arbeit an Schulen. Alleine in Rüsselsheim kooperiert die Firma mit fünf verschiedenen Schulen. Langzeitarbeitslose unterstützen dort meist die Lehrer als Schulassistenten. "Der Bedarf in den Einrichtungen ist groß. Jeder dritte Klient, der eine solche Arbeit für 1,50 Euro in der Stunde verrichtet, findet außerdem einen sozialversicherungspflichtigen Job", sagt Scherer.
Allerdings, so findet sie, der Begriff "Ein-Euro-Job" suggeriere fälschlicherweise, ein Langzeitarbeitsloser arbeite für lau. "Das ist aber nicht so, denn die Leute bekommen ja weiterhin ihre Leistungen von der Arbeitsagentur für Arbeit." Außerdem bemühe sich das Unternehmen GFFB, den individuellen Bedürfnissen der langzeitarbeitslosen Frauen und Männern gerecht zu werden, und fördere die Weiterbildung.
Daher zieht sie den offiziellen Sprachgebrauch vor und spricht von Arbeitsgelegenheiten. Der Leiter der Albrecht-Dürer-Schule in Rüsselsheim, Gerd Stüber-Fehr, räumt ein, dass er anfangs Vorurteile hinsichtlich der Zusatzjobs hatte. "Ich dachte durchaus, dass diese Arbeitsgelegenheiten bestehende Jobs verdrängen und das Lohnniveau dauerhaft senken", sagt er. Allerdings habe er die Erfahrung gemacht, dass die Schulassistenten nicht nur den Lehrern eine große Hilfe seien, sondern auch selbst von der Arbeit profitierten. Zurzeit sind drei Frauen an der Grundschule tätig. Sie beaufsichtigen gelegentlich für einige Minuten die Klassen, sie helfen bei der Hausaufgabenbetreuung oder gehen den Schülern zur Hand, wenn es etwa im Kunstunterricht nicht richtig klappt. Ohne die Frauen sähe es düster aus. "Wir unterhalten uns im Vorfeld ausführlich mit den Bewerbern. Nicht jeder ist geeignet", sagt der Schulleiter.
Eine einst langzeitarbeitslose Frau hat heute eine feste Stelle in der Schule
Eine Bewerberin seien daher auch schon abgewiesen worden. Auf der anderen Seite hat eine Frau, die lange arbeitslos war, heute eine feste Stelle in der Schule. Nachdem die Frau dort zwölf Monate jobbte, hat sie nun eine Arbeit bei der Mittagsbetreuung der Kinder. Fürviele EmpfängervonArbeitslosengeld II lohne sich das Engagement bei einer Arbeitsgelegenheit, schon alleine weil danach ein Zeugnis ausgestellt werde. "Für viele ist das überhaupt die erste Referenz, mit der sie sich bewerben können", sagt Anne Scherer.