Ein persönlicher Beitrag zum Tag der Muttersprache am 21.02.2021

20210216_Olessa_TagderMuttersprache (1) - Freigabe erteilt

Olessia Götzinger leitet den Bereich der Sprachförderung bei der GFFB

Seit über zwanzig Jahren lebe ich in Deutschland. Ich spreche Deutsch auf dem muttersprachlichen Niveau C2. Das bedeutet linguistisch gesehen, dass man „jede Art von Text zu jeglichen Themen lesen und verfassen kann und sich spontan, ohne Anstrengung zu komplexen Themen verständigen kann“.

Aber was steckt noch in diesem Begriff „Muttersprache“? Sprache der Mutter? Sprache der Eltern, die man als Kind als Erstes hört und von der man in den ersten Jahren des Lebens umgeben ist? Steckt da nicht wesentlich mehr dahinter als einfach „fließend sprechen“? Ich denke schon…

Für mich ist meine Muttersprache mein Zuhause, meine Heimat, meine Wurzeln. Mit meiner Muttersprache verbinde ich Erinnerungen aus meiner Kindheit, starke Gefühle und Emotionen. Meine Muttersprache gibt mir ständig das Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit; ohne sie würde ich mich in der Fremde verlieren. Mit meiner Muttersprache bin ich „eins“, bin einfach „Ich“.

So gehen für mich zwei Begriffe „Identität“ und „Muttersprache“ Hand in Hand. „Identität“ bedeutet aus dem Lateinischen: „dasselbe seiend“.  So ist die Sprache eng damit verbunden, wer wir sind. Studien zeigen, dass mehrsprachige Personen unterschiedliche Persönlichkeitsprofile aufweisen, je nachdem, in welcher Sprache sie sich gerade bewegen. In einer Fremdsprache denken wir logischer, können besser Risiken und Chancen einschätzen und damit sicherere Entscheidungen treffen. Aber was ist mit den Gefühlen, Emotionen? Das gelingt uns nur in der Muttersprache.

Seitdem ich nach Deutschland ausgewandert bin, begleitet mich ständig unbewusste Angst, meine Muttersprache „schützen“ zu müssen, um mich selbst nicht zu verlieren. Oft wache ich mit Schuldgefühlen auf, zu wenig in letzter Zeit meine Muttersprache gesprochen zu haben. Ich fühle mich meiner Muttersprache „schuldig“ und gebe ihr immer wieder das Versprechen, sie nicht zu vergessen!

Schützen Sie ihre Muttersprache, pflegen Sie sie gut, lassen Sie sie nicht los und sie wird Ihnen ein Spiegel in die Welt sein, durch den man so Vieles einfach anders sehen und fühlen kann.